Mittwoch, 29. Juli 2009

Regen

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(Regen in Dhaka.)

Die schlimmsten Niederschläge seit 53 Jahren sind über Dhaka niedergegangen. Ohne dass ich einen Vergleich hätte, kann ich sagen, dass ich soviel Wasser von oben noch nicht erlebt habe. Im Büro war es einsam, dafür waren wir drei Stunden damit beschäftigt, unser Appartment trocken zu kriegen. Ja, es ist eigenartig morgens als erstes in eine Pfütze zu treten. Eher schlecht gelaunt war ich, als ich festgestellt habe, dass in der ganzen Wohnung drei Zentimeter Wasser stand. Für den Weg zur Arbeit hätte ich lieber ein Boot nehmen sollen (was durchaus möglich gewesen wäre). Nach dem zweiten Tag Regen in Folge, war ich dann doch etwas besorgt, leben wir doch nur etwa 100 Meter entfernt von einem See.




(Drei Bilder: Fluten in Gulshan am Mittwoch.)

Da das Abwassersystem schon unter normalen Bedingungen überfordert und leicht verstopft ist, kann es so eine Menge an Wasser erst recht nicht verkraften. So brach der Vekehr zusammen, Leute blieben in ihren Wohnungen eingeschlossen. Angenehm zu sehen ist, dass die Rikschas unter diesen Bedingungen das zuverlässigste Verkehrsmittel zu sein scheinen und die Autos, gezwungenermaßen, langsam und behutsam fahren. Die vielen, stellenweise metertiefen, Löcher in den Straßen sind nicht sichtbar. Etwas ekelhaft ist die Vorstellung, dass die Fluten den Inhalt der Abwasserkanäle über Straßen und Grundstücke verteilt. Trotzdem waten die Menschen barfuß durch die schmutzige Brühe.


Die Bangladeshis nehmen es gelassen, auch wenn die meisten meiner Kollegen überflutete Wohnungen hatten: "That is Dhaka!" kommentierte "trocken" einer der wenigen, der Dienstag im Büro war.




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(Fußballmatch in Mymensingh.)

Unabhängig von den Ueberflutungen der letzten beiden Tage, ist die Regenzeit freilich ein normales Phänomen, dass in diesem Jahr mit einiger Verspätung einsetzte und bereits sehnsüchtig erwartet wurde. Sie beendet die heiße Trockenzeit, ist der Garant für eine lukrative Ernte und sorgt stundenweise für notwendige und angenehme Abkühlung.

Freitag, 3. Juli 2009

Bashundhara City Complex

(Bashundhara City Complex.)

Mit Naherholung sieht es eher schlecht aus im Moloch Dhaka. Es fehlt an offenem Gelände, Plätzen und ausreichend Parks, in denen man sich erholen könnte und einmal nicht von Autolärm und Smog umgeben ist. Davon in den Zoo von Dhaka zu gehen, wurde mir dringend abgeraten. Der habe mehr den Charakter einer Tierpsychiatrie und sei weniger etwas, um sich zu beruhigen. Aus der Stadt heraus zu kommen, ist ein Akt von mindestens einer Stunde, und wie entspannend auch immer ein Wochenendausflug außerhalb Dhakas war, ist man schon wieder gestresst, wenn man in die Stadt zurückkehrt. Stau, Hitze und Staub tuen ihren Teil dazu. Beliebt als Ausflugsort am Wochenende ist daher der Bashundhara City Complex, ein großes Einkaufs- und Bürozentrum in Downtown-Dhaka. Auch wenn die Geschäfte freitags (Freitag erfüllt in der muslimischen Gesellschaft die Funktion des christlichen Sonntags) geschlossen sind, genießen es die Einwohner Dhaka's mit ihren Familien im gut klimatisierten Gebäude Rolltreppe zu fahren und in den "leeren" Gängen zu flanieren.

(Blick von der obersten Etage in den Innenhof des Bashundhara-Complex.)

Freunde von mir und ich nehmen diese, etwas andere Art der Freitagsgestaltung, war. Am Eingang steht eine lange Schlange an der Sicherheitskontrolle an, um in die Shopping-Mall zu gelangen. Was auch immer die Eigentümer fürchten, scheint nicht von weißen Ausländern auszugehen. Wir kommen ohne Sicherheitscheck hinein und fahren mit der Rolltreppe nach ganz oben. Auf der obersten Etage gibt es ein Mini-Disneyland, Fast-Food-Restaurants und eine Außenterrasse, von der aus man einen Blick auf die Stadt hat. Meines Wissens ist das der höchste Punkt in Dhaka, der öffentlich zugänglich ist: eine gute Gelegenheit für einen Rundum-Blick auf das geliebte Monster.

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(180-Grad-Blick auf Dhaka.)

Ebenfalls an einem Freitag (einem dreizehnten) brannten die oberen Etagen des Büroteils des Bashundhara Complex, ab. Die hoffnungslos überforderte, weil schlecht ausgerüstete und trainierte, Feuerwehr konnte den Schaden nur begrenzen. Immerhin sieben Leute (Sicherheitsleute des Complex und Feuerwehrleute) kamen bei dem Brand ums Leben. Als ich den rußenden Turm im Fernsehen sah, weckte das unwillkürliche Assoziationen an einen Tag im September 2001. Die Spuren der Flammen sind noch deutlich zu sehen, der Teil des Complex,' der als Einkaufszentrum benutzt wird, blieb dagegen unbeschädigt.

Dienstag, 23. Juni 2009

Nachdenken über Bangladesch II


Die Dinge negativ zu sehen und sich wünschen zukünftig woanders zu sein, fällt in Bangladesch scheinbar leicht. Diese Einstellung ist ärgerlich und wenig zielführend, gleichzeitig aber oft zu vernehmen von Leuten, die hier arbeiten (auch ich bin freilich nicht frei davon). Trotz seiner immensen Probleme ist das Land friedlich und stabil, im Gegensatz zu einer ganzen Reihe anderer Staaten in der Welt mit geringeren Bevölkerungsdichten und günstigeren natürlichen Ausgangsbedingungen (keine Überflutungen, Tsunamis, Wirbelstürme, Erdbebengefahr).

Statt zu sich mokieren, was in Bangladesch alles verkehrt läuft (worüber zweifellos der eine oder andere Abend vergeht), stellt sich mir die Frage, was die Welt von Bangladesch lernen kann. Die Zukunft passiert gleichzeitig und überall, eben auch im Land der Bengalen. Was hier nicht greift, sind traditionelle Fortschrittsüberlegungen: ohne dass in den Dörfern jemals Festnetztelefone existiert hätten, sind die Bangladeschis längst alle mobil vernetzt. Bengalische Manpower baut moderne 16-Geschosser ohne Kran, dafür mit Bambusgerüsten, in die Höhe. Die Mechanisierung von Industrie und Landwirtschaft würde Millionen Arbeitsplätze kosten, was bei steigenden Bevölkerungszahlen (die sicher sind) zu erheblichen sozialen Spannungen führen dürfte. Umweltfreundlich, weil energieeffizient und ressourcenschonend ist massenhafte Handarbeit allemal. Das gleiche gilt für Rikschas im Vergleich zu Mopeds oder Autos. Für Massenkonsum wiederum nicht. Wenn es ein Land gibt, das gar keine Alternative hat zu einer ökologischen (eben nicht industriellen) wie sozialen Marktwirtschaft hat, dann ist es Bangladesch.

Die Faktoren (Urbanisierung, Bevölkerungswachstum, Wasser, Klima), die die Zukunft des Landes bestimmen, erscheinen mir eher dynamisch, denn zwangsläufig bedrohlich. Ein gewisses Maß an Kreativität ist allen Menschen eigen, umso mehr, wenn Überlebensstrategien gefragt sind. Das lehren die Slums. Not macht erfinderisch, sagt man. Existenzielle Not bringt geniale Einfälle, hofft man. Ist diese Kreativität auch kollektiv existent, wenn es um das Überleben eines Volkes geht? . Ihr kulturelles Überleben haben die Bangladeschis den Pakistanern zum Preis von drei bis vier Millionen Toten und der Totalzerstörung der Infrastruktur abgerungen. Bangladesch hat Anfang der Siebziger mit nichts angefangen und existiert noch immer, obgleich die Probleme niemals kleiner wurden und selbst gestandene Analysten der Außenpolitik keine Zukunft für das Land sahen. Wichtige Kennzahlen in Gesundheit (Mütter- und Kindersterblichkeit etwa) und Ernährung verbessern sich seither stetig. Von einem Wunder zu sprechen, angesichts der furchtbaren Übermenschung einiger Orte in Bangladesch, wäre unangemessen. Ein bisher noch stabiles, wenn auch nicht geplantes, Sozialexperiment ist Dhaka aber allemal. Im Vergleich zu Städten wie Rio de Janeiro, Kapstadt oder Lagos kommen die Menschen hier erstaunlich gut miteinander aus.

Die Armut der Städte beurteilt man als Besucher aus Europa undifferenzierter, als diejenigen Bangladeschis, die ihren Lebensstandard mit dem Umzug vom Land in die Stadt von „null“ auf „null plus x“ aufgewertet und vielleicht den Aufstieg von "hardcore poor" (das Überleben steht jeden Tag auf der Kippe) in die Gruppe der "moderate poor" (Unterkunft, Essen, Wasser, Strom sind soweit gesichert) geschafft haben. Geschenkt wurden ihnen das nicht. Mit unendlicher Geduld betteln sich die Behinderten ihr Tagbrot zusammen, unendliche Ausdauer sichert den Rikscha-Fahrern und Textilarbeiter/innen und deren/ihren Familien ihr Einkommen, unendlich die, über Jahrzehnte gezwungenermaßen erlernte, Opferbereitschaft. Warum sollte das Land keine Chance haben die Herausforderungen von morgen zu meistern?

Lösungen werden hier gefunden werden, auch wenn der Preis hoch sein wird; Lösungen, die anderswo in der Welt Anwendung finden werden.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Was Helmut Kohl mit antiker Pornographie in Nepal zu tun hat



(Obere drei Bilder: Details eines Shiva-Tempels mit tantrischen Darstellungen in Bhaktapur.)

Einer meiner ersten Ausflüge hat mich nach Bhakthapur verschlagen, eine von drei (neben Kathmandu und Lalitpur) alten Königsstädten im Kathmandu-Tal. Als ich in Bhaktapur ankomme, fühle ich mich um einige hundert Jahre zurückversetzt: unzählige hochaufragende Tempel im Pagodenstil bewacht von teils riesigen Fabelwesen des Hindu-Universums, die Dachgiebel und Eingänge mit edelster Handarbeit vertäfelt. Die ganze Szenerie ist dominiert von der rostfarbenen Patina der Ziegel, aus denen Straßen und Gebäude bestehen. Dass der Kern der 80.000-Einwohner-Stadt Weltkulturerbe ist, verstehe ich schnell. Auch heute noch ist die alte Architektur intakt, sind die jahrhundertealten Gemäuer bewohnt, Neubauten werden dem Stil angepasst und fügen sich harmonisch in die Häuserzeilen ein.

(Prashannashil Mahabihara: eines der ersten Häuser, das die GTZ wieder aufgebaut hat.)

Die Gründung der Stadt durch die mächtige Dynastie der Malla-Könige datiert auf das Zwölfte Jahrhundert. Auf dem Höhepunkt ihres Glanzes und ihrer Macht (zwischen dem 14. Und 16. Jahrhundert) beherrschten sie das Kathmandu-Tal und hatten in ihrer Hauptstadt Bhaktapur über 170 Tempel und Schreine errichtet.(Nyatapola: Der höchste Hindu-Tempel Nepals in Bhaktapur.)

(Durbar Square (Palastplatz) in Bhaktapur, im rechten Hintergrunf König Bupathindra Malla auf einer Säule, im Mittelgrund: 55-Fenster-Palast.)

(Das Goldene Tor.)

König Bupathindra Malla ist auf einer Säule auf dem Platz vor dem Palast verewigt, seinen Blick auf das "Goldene Tor" gerichtet. Durch dieses prachtvoll gearbeitete Stück nepalesische Handwerkskunst gelangt man, auch heute noch an einer bewaffneten Wache vorbei, zu einem heiligen Hindu-Tempel, zu dem ich als Nicht-Hindu keinen Zutritt habe. Unzählige Geliebte habe der König gehabt und die alle zufrieden zu stellen, sei ja nicht so einfach, erklärt mir mein Guide. Daher habe sich der Monarch neben dem Palast (55-Fenster-Palast) unter anderem einen Shiva-Tempel mit allerlei erotischen Ideen, die dem indischen Tantra-Kult entlehnt sind, quasi als Anleitung für den abwechslungsreichen Beischlaf, bauen lassen.

Zum antiken Porno-Kino sind es dann auch nur zwei Minuten zu Fuß. Zwischen beiden Gebäuden befindet sich eine weitere Pagode, deren kleine Widmungstafel, dezent am Fuß des Gebäudes angebracht, meine Aufmerksamkeit erregt.


(Wiederaufgebaute Pagode.)

(Gedenktafel für den Wiederaufbau der Königsstadt Bhaktapur.)

Kein geringerer als Helmut Kohl war 1987 an diesem Ort um "in Anerkennung der hohen Baukunst" den Wiederaufbau Bhaktapurs als "Staatsgeschenk der Bundesrepublik Deutschland an das nepalesischen Volk" zu überbringen. 1934 hatte ein Erdbeben viele Gebäude zerstört. Seit Anfang der Siebziger Jahre waren Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) schon damit beschäftigt andere wichtige Bauten zu restaurieren. Der Besuch Helmut Kohls bildete dann den Abschluss dieses langen und erfolgreichen GTZ-Projekts.

Montag, 15. Juni 2009

Postkarten aus Nepal

(Bhoudan, eine buddhistische Stupa, ist das Wahrzeichen Kathmandus und liegt am Nordostrand der Stadt.)

Die Eindrücke, die ich in kurzer Zeit in diesem wunderschönen Land sammele, sind zu zahlreich, um sie einzeln beschreiben zu können. Vieles sei daher über Postkarten-Motive erzählt. Im Vergleich zu Bangladesch wirkt alles ein wenig kleiner, übersichtlicher, nicht ganz so hektisch. Es gibt die Zeugnisse einer alten Kultur zu bestaunen (Nepal wurde nie kolonisiert), die scheinbar ungebrochen frotlebt. Zudem ist es angenehm einen Ort kennenzulernen, an dem zwei Weltreligionen (Buddhismus und Hinduismus) harmonisch-symbiotisch miteinander existieren.

(Shiva in zeitgenössicher Darstellung vor dem heiligen Tier, der Kuh. Der wohl mächtigste Gott des Hinduismus zerstört und erbaut.)

(Eine der Hauptgottheiten des Hindu-Universums: der/die mächtige Kali. Er/sie (es gibt verschiedene Darstellungen) wird, mittels Opfer, angerufen, wenn man Beistand bei einer neuen Herausforserung braucht.)


(Blick über Kathmandu.)

Im Vergleich zu Dhaka ist alles ein paar Nummern kleiner: die stilvollen Häuser mit wertvollen Schnitzereien an Türen und Fenstern, die Anzahl der Leute , die Luftverschmutzung (die Sonne ist klar am Himmel zu erkennen). Auch der Verkehr beeindruckt mich weniger, als die Nepalesen, die das Phänomen Stau erst seit etwa vier oder fünf Jahren kennen, wie mir einer meiner Taxifahrer erzählt. Kathmandu ist eine Zwei-Millionen-Metropole, die, umringt von Bergen, im "Kathmandu-Tal" liegt und sich stetig ausbreitet. Das historische Zentrum stellt der "Durban Square", der Platz des Palastes, dar. Bis 2007 war Nepal eine Monachie, unter Druck einer maoistischen Guerillabewegung (Bürgerkrieg 1994-2006) und dem Wunsch der Bevölkerung nach demokratischen Reformen (1990) wurde schrittweise die Macht des Königs beschnitten und im Mai letzten Jahres die Republik ausgerufen.Entsetzliche Dinge sind zwischenzeitlich in der Königsfamilie geschehen. Unter bis heute unklaren Umständen ist 2001 der größte Teil (amtierender König, seine Frau, der Kronprinz und mutmaßliche Mörder) in einem Familiendrama getötet worden. Die Rolle des Überlebenden, des jüngeren Bruders, bei diesem Massaker ist zweifelhaft. Zumindest macht dieses Verbechen die Rückkehr dieses Sproßes zur Macht mehr als unwahrscheinlich. Leider will das demokratische Experiment auch nicht so recht klappen. Während meines Aufenthaltes gab es bisher zwei Streiks, das bedeutet, dass die meisten Geschäfte geschlossen sind und sich nichts auf Rädern bewegen darf. Ohne einigendes Symbol droht ferner die nepalesische Nation an den Unabhängigkeitsansprüchen der über Neunzig Volksgruppen zu zerbrechen.

(Der Palast des ehemaligen Königs von Nepal in Kathmandu.)

(Blick von der Terrasse vor meinem Zimmer in Pokhara.)

Angenehm ist, dass man nicht wie der erste Mensch auf Erden angestarrt wird. Touristen sind schon lange bekannt und faszinieren eher durch ihre Zahlungskraft, denn durch ihre bloße Anwesenheit. Die ersten Hippies kamen vor über dreißig Jahren, aus spirituellen Gründen natürlich. In einigen Shiva-Tempeln wird seit je her Haschisch geraucht, gilt die stellenweise sehr zornige Gottheit doch als hemmungsloser Kiffer. Möglich, dass das einen gewissen Reiz auch auf die langhaarigen Besucher aus dem Westen ausübte. Eine andere Sorte Touristen sind die Extremsportler, die sich an den zahlreichen, im nepalesischen Teil des Himalayas gelegenen, 8000ern versuchen. Nicht nur der Mount Everest zieht schon fast ein Jahrhundert lang Abenteurer an. Auch jede andere erdenkliche Trendsportart ist im Angebot: Trekking, Rafting, Bungee-Jumping, Paragliding. Andere wiederum, die, wie ich, die Ruhe suchen, erfahren in Pokhara, warum Nepal das Bergkönigreich genannt wird. An klaren Tagen (meist im Winter) kann man die schneebedeckten Riesen des Himalaya am Horizont erkennen. Ich nehme mit einem malerischen Sonnenuntergang vorlieb. Das tut der Seele gut!



Montag, 1. Juni 2009

Halbzeit: Nachdenken über Bangladesch I

Vor drei Monaten bin ich in Dhaka gelandet, unklar, was mich erwarten würde. Nicht viel war mir bekannt über Bangladesch: zu viel Wasser, zu viele Menschen, zu viel Armut, was man in den deutschen Medien eben an spärlichen Informationen bekommt. Tatsächlich sind das große Probleme hier. Die Armut ist allgegenwärtig und hat viele Gesichter: das kleine Mädchen, das an der dicht befahrenen Kreuzung versucht mit dem Verkauf von Blütenkränzen 10 Taka (0,11 €) zu verdienen, der behinderte Bettler, die zahnlosen Alten auf dem Land. Aber auch der Rickscha-Fahrer, dem man 20 Taka gibt, lebt höchstwahrscheinlich in einem der Slums und viele der Arbeiterinnen, die unsere T-Shirts und Pullover im Akkord nähen.

Und ja: es gibt zu viele Menschen. In Bangladesch ist man eben nie allein, sondern, zumal als Ausländer, stets umringt von einer Gruppe Leute. Neben dem Gefühl Teil einer großen Gemeinschaft zu sein, bringt die Überbevölkerung existenzielle Probleme mit. Die Versorgung der Städte mit Trinkwasser wird, meiner Ansicht nach, das größte Problem der Zukunft werden, aber auch die Ernährungslage ist nicht immer und überall sicher. Der Hunger lebt auf dem Land.
Da die Bevölkerung noch weiter wächst (wenn auch langsamer als noch vor zehn Jahren), werden sich die zahlreichen Probleme noch zuspitzen. Zumal die Landesfläche wegen Überflutungen vom Meer her und von den Flüssen nicht gerade zunimmt. Das Wachstum der Städte wird nicht nachlassen, die urbane Infrastruktur ist aber (in Dhaka auf jeden Fall) längst kollabiert: immer Stau, tägliche Stromausfälle mit Effekten auf die Wasserversorgung, kein Abwassersystem, viel zu wenig Kläranlagen, keine funktionierender Nahverkehr. Vor allem der Verkehr, damit verbunden Smog und ein feiner Staub, der aufgewirbelt wird, macht mich wahnsinnig. Es gibt nur wenige Parks oder offenen Raum, um mal zu entspannen, die kulturellen Attraktionen der Stadt sind in der Regel zu weit entfernt von meinem Wohnort, als dass ich die Nerven hätte, mir das eine oder andere anzusehen.

Trotzdem übt das Land und seine Bewohner noch immer eine bizarre Faszination auf mich aus. Bangladesch ist so ganz und gar das Gegenteil von Deutschland. Die Leute sind Muslime, fest in der Großfamilie verwurzelt, arm und leben entweder in unglaublich überfüllten Städten oder in Dörfern, wie sie traditioneller nicht sein könnten. Das macht es mir irgendwie auch einfacher die Situation so hinzunehmen, wie sie ist. Vergleiche mit Deutschland sind einfach unangebracht und passen nicht, schlicht, weil hier einfach alles anders ist.

Was ich lerne, ist, angesichts der Armut, die einen verzweifeln lässt, die kleinen Dinge zu sehen und eine ganz neue Art von Optimismus zu entwickeln. Ohne eine psychologische Überlebensstrategie würde ich hier wahrscheinlich jeden Tag einen depressiven Zusammenbruch bekommen und das Elend der Welt beweinen. Andere, meist Leute, die schon länger in Bangladesch arbeiten, pflegen einen Zynismus, um ihre gute Laune zu bewahren oder verstecken sich in den abgeschlossenen internationalen Clubs mit Pool und Wiener Schnitzel vor den Realitäten. Dabei ertappe ich mich auch oft genug. Die meisten Bangladeschis pflegen einen gelassenen Fatalismus: Inshallah – So Gott will. Einfache Gemüter sind sie meist, zufrieden nach einer guten Mahlzeit, oft ein Lied auf den Lippen. Sie kennen oft nichts anderes, sind niemals rausgekommen (wenn sie nicht zwangsweise migrieren mussten). Ich glaube, sie wundern sich manchmal, wie etwa Dhaka in so kurzer Zeit so ein Monster werden konnte. Arm waren die Leute aber schon immer. Ich will keineswegs behaupten, dass ich wirklich verstanden haette, wie die Leute hier ticken. Zwar nehme ich Bangla-Unterricht, aber trotzdem bleibt mir der Zugang zu den meisten Bangladeschis ganz verwehrt. Ob sich meine Beobachtungen mit den Lebenswirklichkeiten der Leute decken, sei mal eher bezweifelt.

Was ich recht genau beobachte und was mich wirklich ärgert, ist die kleine aber reiche Oberschicht, die zu aller erst damit beschäftigt ist ihren Reichtum zur Schau zu stellen, ohne sich für die Probleme der Armen (wir reden hier von 70% der Bevölkerung oder über 100 Millionen Menschen) zu interessieren. Lieber fliegen sie übers Wochenende nach Europa, um einzukaufen oder importieren Luxuskarossen zu höheren Preisen als diese in Europa kosten würden (für einen Mercedes Benz sind 300% Zoll fällig). Ihre Einkommen beruhen in der Regel auf der Ausbeutung billiger Arbeitskraft in den Fabriken, Landbesitz oder aus einem dichten Nexus von Korruption und komplex verflochtenen Abhängigkeiten, der die Bezeichnung Politik nicht verdient. Dabei bräuchte dieses Land fähige Politiker mit Ziel und Durchsetzungswillen, die nicht nur an ihrem eigenen Vorteil interessiert sind.

Viele Leute wandern, angesichts der widrigen Lage, aus; zum Arbeiten oder zum Studieren. Gerade die, die in den USA, Europa oder Australien studieren, suchen sich meist dort einen Job und kommen dann nur noch zu Besuch nach Bangladesch zurück. Umso mehr respektiere ich die, die zurückkehren, im Bewusstsein, dass die Welt außerhalb von Bangladesch noch andere Maßstäbe kennt. Einige von ihnen bringen zudem das mit, was dem Land fehlt, gleichzeitig aber entscheidend ist: eine Vision.

Leider muss ich da auch passen. Ich bin selbst gespannt, wie ich die Dinge nach weiteren drei Monaten sehe.
Der nächste Brief kommt dann erstmal aus Nepal.

Sonntag, 24. Mai 2009

Children Of The Black Dust

Eine Kollegin hat mich auf eine ergreifende Foto-Story aus Dhaka aufmerksam gemacht. Es geht um Kinder, die Batterien am Buriganga-Fluss zerlegen. Fotos so wunderschön und schrecklich zugleich:

http://www.flickr.com/photos/81504640@N00/sets/72157605348907561/

Freitag, 22. Mai 2009

Reis

(Reisangebot in Dhaka.)

Etwas ziemlich Wichtiges geht gerade in den Dörfern von Bangladesch vor sich. Während der Grisho-Jahreszeit (insgesamt kennt das Bangla-Jahr sechs Jahreszeiten) wird der erste Reis, das lokale Hauptnahrungsmittel, des Jahres geerntet. Bis zu drei Ernten im Jahr sind auf manchen Böden möglich, die Regel ist zwei. Im Dorf Nahora ziehen die Bauern zuerst kleine Stecklinge aus den Samen, die sie dann nach dreißig Tagen auf dem Feld ausbringen. Etwa 85 Tage brauchen die Pflanzen dann, gut bewässert, um auf den Feldern zu reifen. Seit vier, fünf Jahren benutzen die Bauern in Nahora überwiegend gentechnisch veränderte Hybrid-Samen (Hira, Moina, Jagoron, Sonar Bangla). Bei der Entscheidung dafür stand ganz klar die Steigerung der Erträge im Vordergrund. Die lokalen Sorten bringen 100 bis 120 Gramm pro Pflanze, die Hybridsorten immerhin bis zu 250 Gramm. In Anbetracht der Ernährungssituation, die noch immer nicht befriedigend ist und auch in der Zukunft ein Problem bleiben wird, fällt die Entscheidung gegen die lokalen Sorten natürlich leichter. Auch der lokale Bauer nimmt dann in Kauf, dass er jedes Jahr neues Saatgut braucht. Denn der Nachteil der Hybrid-Samen ist, dass man aus ihnen keine neuen Pflanzen ziehen kann.

Sind die Pflanzen etwa 25 Tage auf dem Feld, sprühen die Bauern mit einer Maschine (eine Art Rucksack) Pestizide auf die Felder, in Nahora zwischen drei und vier Kilo pro acre (ca. 4.000 qm). Das bleibt nicht ohne Folgen: das Abwasser der Felder fließt, verseucht mit Agro-Chemie, ungeklärt in die Flüsse des Landes, mit drastischen Effekten auf die Situation der Wasserversorgung. Selbst für die Bewässerung der Reisfelder wird Grundwasser benutzt, anstatt die immensen oberirdischen Wasserresourcen zu nutzen (weil diese eben durch landwirtschaftliche, industrielle und menschliche Abwässer weitgehend verseucht sind). Die Reis-Bauern in Nahora sind sich dessen zwar bewusst, sind aber eben existenziell vom Erfolg der Reisernte abhängig. Immerhin bleiben noch Hagel und Sturm als unkalkulierbare natürliche Faktoren, die ihre ganze Ernte zerstören können.

(Abgeerntetes Reisfeld in Nahora.)


(Ein Reisbauer in Nahora schneidet mit einer Sichel die Reispflanzen.)


(Nach der Ernte werden die Reiskörner in der Sonne getrocknet.)



(Mit einem Lüfter wird die Spreu vom Reis getrennt.)

Übrigens habe ich Azad mal die Dokumentation "We feed the world"mitgegeben, um sie in seinem Dorf zu zeigen. Leider konnte ich nicht dabei sein und es ist alles auf Deutsch. Von den Bildern her waren die Bauern aber von der Maschine, die industriell Hühner zerlegt, beeindruckt. Irgendwelche moralischen Bedenken hatten die, mit denen ich mich unterhalten habe dabei nicht. Wenn das Geld da wäre, würden sie sich sofort so ein Ding anschaffen. "Wieviel einfacher wäre dann alles?", schwärmen sie.


http://www.daskochrezept.de/rezepte/reis/

Sonntag, 10. Mai 2009

Gedanken an Kafka

(Das Gebäude der Dhaka City Corporation (DCC); Quelle: http://www.banglapedia.net/)


Obwohl mein Projekt nicht in Dhaka arbeitet, sind wir auf einen interessanten Fall von low cost housing (Erschwinglicher Wohnraum) in der Hauptstadt gestoßen, den die lokalen Behörden selbst implementiert haben und von dem wir hoffen, lernen zu können. Für die Recherche zu einem Artikel darüber habe ich einen Termin mit dem Slum Development Officer (SDO) von Dhaka im Verwaltungshauptquartier der 15-Millionen-Stadt. Ein honorabler Job, denke ich mir, dieser Mann muss ein hohes Maß an Courage und Engagement mitbringen. Immerhin schätzt man die Einwohnerzahl der provisorisch aus Blechhütten zusammengebauten Viertel allein in Dhaka auf rund drei Millionen, Tendenz steigend. Einiges ist da zu tun und das nicht erst seit gestern.


Zusammen mit meiner Kollegin, die als Consultant für die GTZ arbeitet, betrete ich das riesige Gebäude, das ein wenig an kommunistische Protz-Architektur erinnert. Mit seinen massive Betonwänden und den langen dunklen Gängen suggeriert das Gebäude der Dhaka City Corporation (DCC) nach außen Macht und Autorität. Was ich jedoch im Innern des Gebäudes erlebe, ist irgendwo zwischen surreal und zum Verzweifeln, in jedem Fall weit entfernt vom Eindruck einer kompetenten Behörde, die irgendetwas anpackt.


Wir betreten das Büro des Officers. Ein etwas feister Mann Mitte Vierzig sitzt da entspannt hinter seinem Schreibtisch. Ein stilsicheres Hemd, das sicher nicht ganz billig war, hat er an, auch die Uhr an seinem Arm sieht teuer aus. Weitere vier Personen sind mit im Raum, nur einer von ihnen ist Angestellter der DCC. Als wir uns dem SDO vorstellen, nimmt er kurz Notiz von uns, wirkt aber abgelenkt. Was wir wollen, fragt er. "Wir arbeiten an einem Artikel zu low cost housing in den Slums", beginnt meine Kollegin. "Wieso kommen Sie da zu mir?", antwortet er. "Auf Ihrer Webseite steht, Sie seien zuständig", erwidert meine Kollegin, "auch am Telefon versicherte man uns das." Etwas nervös greift der SDO schnell zum Telefon, um sich Verstärkung anzurufen, die alsbald in Gestalt eines weiteren externen Mitarbeiters, der von der UN bezahlt wird, erscheint. Derweil beginnen die anderen im Raum, die eigentlich nur zufällig im Büro des Offiziellen sitzen, zu fachsimpeln. Nachdem sich alle Anwesenden nach einigem Pallaver geeinigt haben, dass alle möglichen Abteilungen der DCC für den Hausbau in den Slums zuständig sind, nur nicht das Slum Development Department, ist bereits eine halbe Stunde vergangen. Der eigentlich Zuständige hat in dieser Zeit vielleicht zwei Sätze gesagt, die keinerlei relevante Informationen enthielten. Er sei der einzige Slum Development Officer in Bangladesch, lässt er uns wissen (was Unsinn ist). Ständig unterschreibt er irgendetwas, verlässt den Raum zwischenzeitlich, scheint unsere Anwesenheit aber gar nicht weiter wahrzunehmen.


Einer der Personen im Raum, der zwischen mir und dem Schreibtisch des SDO Platz genommen hat, beantwortet die Fragen, die ich an den Offiziellen zu richten versuche. Er stellt sich mir als Mitglied einer NGO vor, die zu Kinderarbeit in den Slums arbeitet. Ich schaue in Richtung SDO und frage: "Wofür ist das Slum Development Department denn zuständig?" "Wissen Sie, wir kümmern uns vor allem um die Situation der Armen in den Slums in Dhaka", antwortet mir der ungefragte Mittelsmann. "Und was konkret tuen Sie für die Armen?" Derselbe: "Unser Hauptaugenmerk liegt auf der Verbesserung der Situation der Armen." Ein bisschen wie in Kafka's Prozess komme ich mir vor.


Als ich nach dem Budget frage, die erste brauchbare Antwort: 30 Millionen Taka (3,2 Mio. €) im Jahr. "Und wofür geben Sie das aus?" "Vor allem für Straßenbeleuchtung und Fußwege", antwortet erneut der Mittelsmann. Als ich zum dritten Mal darauf bestehe, meine Frage direkt vom SDO beantwortet zu bekommen, blickt mich dieser kurz an. "Wenn Sie auf die Situation der Slums in Dhaka schauen, was hat denn Ihrer Meinung nach Priorität?", frage ich. "Das wichtigste ist, meiner Meinung nach, die Verbesserung der Wohnsituation in den Slums", spricht es vollen Ernstes von hinter dem Schreibtisch. "Gibt es denn geplante Projekte zur Verbesserung der Situation in den Slums?" Deutlicher als ich zu diesem Zeitpunkt erwartet hatte: "Nein." Es folgt ein fünfminütiger Vortrag über Bangladesch, beginnend beim 17. Jahrhundert und wir geben auf. Als wir uns verabschieden, versichert man uns, dass wir selbstverständlich jederzeit wiederkommen können, sollten wir noch Fragen haben.


Die ganze Interviewsituation war derart grotesk, dass meine Kollegin und ich schon auf dem Gang anfangen zu lachen. Auf dem Weg zurück ins Büro, Analyse: saß uns da eben ein gewiefter PR-Stratege gegenüber, der sich, warum auch immer, gekonnt um jede Antwort gedrückt hat? Oder hat dieser Bürokrat einfach nicht die leiseste Ahnung, wofür er verantwortlich ist? Wohl eine Mischung aus beidem, schließen wir. Ich, persönlich, bin enttäuscht, dass ich nicht die gewünschten Informationen bekommen habe und entsetzt, dass die Verbesserung der Straßenbleuchtung als wichtiger angesehen wird, als die Herstellung humanitärer Grundlagen. Meine Kollegin dagegen ist froh, nicht mit diesem Mann zusammenarbeiten zu müssen.

Freitag, 8. Mai 2009

Schulanfang in Nahora


In aller Frühe breche ich, zusammen mit zwei Freunden, auf, um noch einmal das Dorf meines Kollegen zu besuchen. Heute ist Azad's großer Tag. Nach Monaten Arbeit neben der Arbeit und zweifellos zahlreichen Rückschlägen hat er es endlich geschafft: seine Schule ist fertiggestellt. Das ganze Dorf ist zusammengekommen, um heute feierlich den Schulanfang der rund 40 Kinder zu begehen. Kurz nach unserer Ankunft erscheinen auch die Alten, die noch beim Freitagsgebet waren.

(Azad (stehend) bedankt sich bei allen Helfern)

Händeschütteln, kleine Snacks, dann geht es zum offiziellen Teil. Der Union Chairman (Landrat) ist gekommen und Azad's ehemaliger College-Lehrer. Unter einem provisorischen Zeltbaldachin bedankt sich Azad bei allen Anwesenden und den Helfern für ihre Unterstützung. Kleine Reden werden gehalten, auch mein Kollege Matt wird aufgefordert ein paar Sätze zu sagen. Die Schulanfänger sind mit ihren Müttern gekommen, können sich jedoch nur schwer auf die Reden konzentrieren. Viel interessanter sind da die foreigners und ihre Digitalkameras.

(Die feierliche Übergabe der Schulhefte)

Einen nach dem anderen ruft dann Lehrerin Helena die Namen der Kinder auf, die sich dann brav und voller Freude ihre neuen Schulhefte abholen kommen. Auch die Alten bekommen jeder ein Heft zur Ansicht und blättern erstaunt darin herum. Ein kleines Schmunzeln zaubert mir das doch aufs Gesicht. In nur acht Monaten werden die Kinder, so Azad’s Ziel, mehr lesen und schreiben können, als die graubärtigen Männer, die ihr Leben lang Analphabeten geblieben sind. Das Schuljahr in Bangladesch geht normalerweise von Januar bis Januar. Der Bau der Schule und das Warten auf die Zulassung hat aber länger gedauert als gedacht. Noch immer fehlt auch die offizielle Registrierung durch das Ministerium (Ministry of Social Welfare). Da Azad auf Bestechungsgelder verzichtet hat, ziehen sich die Prozeduren in die Länge. Zum Nachteil der Schüler freilich: die müssen, um den Lehrplan zu schaffen, auf ihre Ferien in diesem Jahr verzichten.

(Das erste Mal im neuen Klassenzimmer)

Mit den Heften in der Hand geht es jetzt zum ersten Mal in den neuen Unterrichtsraum. Fünf mal die Woche wird es hier zwei Klassen am Morgen geben und am Abend eine Klasse für arme Frauen, die Grundlagen der Landwirtschaft lernen können. An der Wand entlang setzen sich die Kinder um die Lehrerin herum und warten auf das, was auch in Bangladesch nicht zum Schulanfang fehlen darf: die Zuckertüte.

(Übergabe der, buchstäblichen, Zuckertüte)


Freitag, 1. Mai 2009

Tag der Arbeit

Zum 1. Mai, der auch hier Feiertag ist und mit Demonstrationen gewürdigt wird, ein paar Beobachtungen zu Arbeit in Bangladesch.


(In einem Metallbetrieb in der Nähe vom Hafen von Dhaka.)



(Ein Schuster am Straßenrand repariert für 50 Taka (0,55€ ) meine Schlappen.)




(Kurze Wege zum Friseur. Für 100 Taka (1,10€) gibt es die Rasur und einen Haarschnitt.)




(Ohne weitere Sicherung malern diese Tagelöhner die Fassade unseres Büros im vierten Stock.)



(Drei Männer fixieren ein Rohr für einen Tiefbrunnen in Old Dhaka.)


(Ein Straßenbäcker in Dhaka.)


(Auf dem Bau wird alles von Hand gemacht. Maschinen sind selten.)

Donnerstag, 30. April 2009

Die Hierarchie der Straße


Wenn jemand vorhätte, seinen Doktor in Verkehrspsychologie zu machen, dann wäre Dhaka der richtige Ort dafür. Der tägliche Verkehrskollaps macht die Leute wahnsinnig und mich auch. In einem Taxi zu sitzen, hat immer etwas von einer Achterbahnfahrt. Weil, abhängig von der Tageszeit, eigentlich immer Stau ist, (mal mehr, mal weniger) wird jedes kleine Loch im Verkehr sofort wieder aggressiv gefüllt. Als Verkehrsteilnehmer muss man sich seinen Platz erkämpfen und darf niemals Schwäche zeigen. Auf Rücksicht braucht man nicht zu hoffen, vor allem nicht als Fußgänger. In der Hierarchie der Verkehrsmittel ist man zu Fuß der letzte nach Rikscha, Baby-Taxi, Auto, Bus und Laster.


(Rikscha-Haltepunkt in Dhaka. Verkehrsschilder sind hier als Vorschläge zu verstehen.)

(Das typische "Baby-Taxi" ist im Wesentlichen ein motorisiertes Dreirad. Für längere Distanzen innerhalb der Stadt ist es das ideale Verkehrsmittel, da wendig und schnell. Um die Luftverschmutzung in der Stadt etwas zu begrenzen, fahren die "Baby-Taxis" inzwischen fast alle mit Flüssiggas (CNG).)


(Mein persönlicher Liebling, leider nicht für jedermann.)

(Taxi in Dhaka, die meisten Autos dieser Klasse sehen so aus. Die meisten sind von der indischen Marke Tata. Eine bangladeschische Automarke gibt es nicht.)

(Eins von den besseren Taxis: es hat Klimaanlage und ist in einem erstaunlich guten Zustand.)

(Die typischen Busse in Dhaka. Mangels U-Bahn oder S-Bahn sind sie das einzige Massenverkehrsmittel. Der Bus stoppt etwa 20 Sekunden. In dieser Zeit springen die Fahgäste auf, drinnen steht ein Typ dessen Aufgabe darin besteht die Fahrgäste in den Bus zu zerren. Unnötig zu erwähnen, dass es die Fahrpläne von geringer Bedeutung sind. Einen Bus ohne Beschädigung habe ich im Übrigen noch nie gesehen.)

(LKW in Dhaka: auch wenn sie quasi die Spitze der Hierarchie bilden, sind sie nicht immun gegen Unfälle.)

Man erzählt sich, dass etwa 70% der Autofahrer mit gefälschtem Führerschein fahren, was ich für absolut glaubwürdig halte. Das führt zu skurillen Situationen: etwa auf Kreuzungen von Nebenstraßen. Normales Verhalten ist, mit 50 km/h auf die Kreuzung zu preschen und ständig zu hupen. Das soll soviel bedeuten, wie: "Ich komme! Macht alle Platz!" Da das aber im Zweifelsfall die Fahrer aus den anderen drei Richtungen genauso sehen, ist die Kreuzung rasch verstopft. Statt ein Auto vorzulassen, besteht jeder auf seine Vorfahrt, begleitet von aggressivem Hupen natürlich. So eine Situation kann schon mal zwei Minuten dauern. Am Ende ist der Rickscha-Fahrer Schuld, der zuletzt in die Szene gekommen ist. Wild gestikulierend regen sich alle auf, bis sich der Knoten plötzlich löst, begleitet von weiteren Hup-Attacken. Gehupt wird übrigens auch, wenn eine Straße komplett dicht ist und sich absolut nichts bewegt, ein Reflex der Verzweiflung.

Montag, 27. April 2009

Dhaka wird wahnsinnig

Das ist selbst den hartgesottenen Bangladeschis zu viel. Mein Ricksha-Fahrer heute morgen ächzte schon um acht bei jedem Tritt in die Pedale. 42,2 Grad Spitze in Jessore, 38,7 Grad in Dhaka und das im April! Seit 14 Jahren war es nicht so heiß in der Hauptstadt. Und als ob das nicht genug wäre, gibt es mehr Stromausfälle als sonst, in einigen Stadtteilen kein Wasser mehr und kein Gas. Dafür vermehren sich die Moskitos prächtig und Keime, die zu Durchfall führen. Die Krankenhäuser sind überfüllt mit Diarrhea-Patienten, Leuten mit Schlaganfall und Hitzschlag. Passend titelt der Daily Star dazu heute: "Dhaka gone crazy"

(links: ohne diesen kleinen Kasten, hätte ich wohl auch schon einen Hitzschlag bekommen)







Gott sei Dank gehöre ich zu dem glücklichen einen Prozent mit vernünftiger Klimaanlage im Büro und zu Hause. Einmal kurz habe ich mich heute zum Mittagessen herausgetraut, der Schweiß begann mit Verlassen des Büros zu laufen. Auf dem Asphalt hätte ich mir einen Toast machen können. Etwas aus Metall anzufassen, wäre ein Fehler gewesen. Wie das Ende der Trockenzeit fühlt sich das nicht an. Wirklich Wahnsinn!

Samstag, 18. April 2009

Ausflug in die Hill Tracts


14. April: Bengalisches Neujahrsfest. Mehr Farben, mehr Menschen, in Dhaka bricht der Verkehr völlig zusammen. Selbst die Rickscha-Fahrer, die für gewöhnlich irgendeinen Weg finden, stehen im Stau.
Ich habe Urlaub genommen und mache ich mich am Abend auf den Weg nach Osten. So lange die Temperaturen (obwohl Spitzen von 35 Grad schon vorkommen) es noch zulassen und es nicht die ganze Zeit regnet, will ich mir den Bandarbans-Distrikt, auch bekannt als Chittagong Hill Tracts, ansehen. Die selbstmörderischen Landstraßen und den Stau in Dhaka vermeidend, habe ich mich diesmal für den Nachtzug als Verkehrsmittel entschieden.

(Die Flammen reinigen den Hügel...)

(...und schaffen Platz für die Saat des neuen Jahres)

Ausgeschlafen (das Schlafabteil der ersten Klasse ist durchaus mit deutschem Standard vergleichbar) verlasse ich Chittagong am nächsten Morgen per Jeep. Nach Passieren des Army-Checkpoints, bei dem man sich noch immer registrieren muss, erreiche ich den Bandarbans-Distrikt. Die mich umgebenden Hügel sind nicht so grün wie ich erwartet hatte, manche sind, im Gegenteil, schwarz. In der Ferne steigt Rauch auf. Mit dem Ende der Trockenzeit werden hier traditionell die trockenen Sträucher und das herabgefallene Laub abgebrannt. Die Asche dient dann als Dünger für die Bewirtschaftung der Hügel während der Regenzeit. Angebaut werden vor allem Bananen, Ananas und Tabak.

(Wäsche und Kochen ist bei den Stämmen Frauensache)

Ein kleines Floß bringt mich vom Guest-House in den Ort Bandarban. Entlang des Sangu-Flusses (dem einzigen der Tausenden Flüsse Bangladeschs, der im Land selbst entspringt) waschen Frauen Wäsche und Geschirr, Kinder planschen und winken mir zu. Mehr als fünfzehn verschiedene Stämme und ethnische Minderheiten leben in der Region, die meisten von ihnen siedelten schon lange vor den Bengalen in den Hill Tracts. Äußerlich unterscheiden sie sich deutlich von den Bengalen, sie haben eher birmesische Züge (Arakanesen). Auch kulturell, religiös und sprachlich haben sie mit den Bewohnern des Nachbarlands Myanmar (Birma) mehr zu tun, als mit den bengalischen Bangladeschis. Das Christentum und der Buddhismus ist weit verbreitet. Daher verwundert es nicht, dass Myanmar den größten buddhistischen Tempel Bangladeschs gestiftet. hat.

(Der größte buddhistische Tempel Bangladeschs in Balaghata, in der Nähe von Bandarban. Quelle: Wikipedia, leider hat meine Kamera gestreikt)

In Bandarban läuft gerade ein Wasserfestival, eins der größten sozialen Ereignisse im Jahr. Eine Woche lang wird der Beginn des neuen Jahres feuchtfröhlich gefeiert. Feuchtfröhlich ist hier wörtlich zu verstehen, ist es doch Brauch sich bei dieser Gelegenheit gegenseitig mit Wasser zu beschmeißen (eigentlich Jungs gegen Mädchen). Gut, dass ich mich auch mit einer Flasche Wasser bewaffnet habe, denn die einheimischen Jungs haben keine Scheu mich in ihre Tradition mit einzubeziehen.

(Mädchen nach der Wasserschlacht in Bandarban)

Mit trockenem Hemd und Hose geht es am nächsten Morgen ins Dorf Chimbuk. Der Jeep schraubt sich mühsam die Serpentinen hinauf zu einem Aussichtspunkt von dem aus man, an klaren Tagen, bis Myanmar und Indien sehen kann. Bangladeschisches Militär nutzt die Erhöhung und belauscht von hier aus seine Nachbarn. Im Dreiländereck spielt sich eine Menge Illegales ab, vor allem Schmuggel, in den das Militär selbst verwickelt ist. Seit der Meuterei der BDR-Truppen (der Grenz-"Schutz") im Februar ist diese Einheit wohl nicht mehr an den lukrativen Geschäften beteiligt. Auch gewerbsmäßige Entführungen durch birmanische "Kleinunternehmer" kommen vor. Bablu, der Besitzer unseres Guest-Houses wurde selbst einmal von einer solchen Bande drei Wochen im Dschungel festgehalten. Zudem werden noch Guerillas der Stämme im Urwald vermutet, die sich in der Vergangenheit gegen Dhaka aufgelehnt haben. Die Armee ist daher überall in der Region mit Check-Points und Basen präsent, offiziell zur Gewährleistung der allgemeinen Sicherheitslage. Dass es dabei nicht in erster Linie um die Sicherheit der Minderheiten geht, erfahre ich am Nachmittag.

(Ein Dorf der Mru)

(Im Dorf)

Ein beschwerlich steiler Weg führt von der Straße hinab in ein Dorf der Mru. Eingebettet zwischen Hügeln stehen einfache Häuser auf Bambusstelzen. Wären die Dächer nicht aus Metall und die T-Shirts der Kinder nicht so bunt, könnte man meinen, einige hundert Jahre in der Zeit zurückversetzt zu sein. Die Alten sind nur spärlich bekleidet und tatsächlich bilden die Mru ("Mensch") die Urbevölkerung der Region. Von mir nimmt man kaum Notiz, nur die kleinen Hunde kläffen mich an. Weiße ist man hier gewohnt, jede Woche kommen genügend Touristen, um sich das Dorf anzusehen. Obwohl das Dorf traditionell angelegt und der Stil der Hütten ,jahrhundertealt ist, leben die Mru gerade einmal 15 Jahre an diesem Ort. Weil sie angeblich zu nah an einer der zahlreichen Armee-Basen siedelten, wurden sie von der Armee gezwungen, ihre angestammten Gebiete zu verlassen und hierher umzusiedeln.

(Ein Mann vom Stamm der Mru)

Das war und ist gängige Praxis und folgt Dhaka's Politik der Islamisierung bzw. Bengalisierung in den Hill Tracts. Ähnlich wie China in Tibet, so siedelt die Regierung von Bangladesch gezielt Bengalis in der Region an, die mittlerweile die Bevölkerungsmehrheit im Bandarban-Distrikt bilden. In keiner der staatlichen Schulen werden die Stammessprachen unterrichtet. Dass einige Mru-Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken, kann als passiver Widerstand gegen den Versuch der Auslöschung ihrer Kultur verstanden werden.
Seit der Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan (1971) kämpfen die Stämme um die Anerkennung als Minderheit und gegen den Landraub der Regierung (von 1977 bis 1997 auch mit Gewalt). Die Versprechen der Regierung, ihren Teil des Friedensabkommens von 1997 umzusetzen, wurden bisher nicht in vollem Umfang eingehalten. Auch kommt es noch immer zu Menschenrechtsverletzungen zum Nachteil der Stammesangehörigen.

Als ich das Dorf verlasse, verfinstert sich der Himmel schlagartig und es beginnt, worauf die Bewohner seit Monaten warten: der Regen. Majestätisch entlädt sich dis Wasser der Wolken über den Hügeln, um im selben Moment wieder zu verdunsten. Für mich eher ärgerlich, weil ich bis zum Mittag des nächsten Tages im Guest-House verbringen muss, bedeutet die Regenzeit für die Bewohner von Bandarban den Anfang der neuen Anbausaison und das pünktlich zum kalendarischen Neujahrsbeginn. In diesem Sinne also: Shubho nobo borsho! (Gesundes Neues!)